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1,3 Millionen Menschen schauen mir zu. Wie ich gucke, wie ich lache und wie ich versuche, möglichst souverän, locker, charmant und natürlich gewinnend herüberzukommen. Gar nicht so einfach, da gerade fünf Kameras auf mich gerichtet sind. Sie stehen im Halbkreis vor mir, und das Einzige, was sich aus meiner Perspektive merklich verändert, ist das rote Licht, das mal auf dem einen, mal auf dem anderen dieser menschengroßen Geräte aufleuchtet. Dahinter im Dunklen stehen eine Menge Leute, die nicht mal zu atmen scheinen, so konzentriert wie sie wirken. Kameramänner, Kabelhilfen, Assistenz und Maske wird der Zuschauer später nie zu Gesicht bekommen.

 

verdammt

selbstbewusst

 

Ganz im Gegenteil zu meinem Gesicht, das gerade in Großaufnahme gefilmt wird. Zum Glück wurde ich vorher abgepudert – mit spezieller HD- Schminke, wie mir die Maskenbildnerin sagte: „Sonst sieht man später jede noch so kleine Unreinheit – und das wollen wir ja nicht, oder?“ Nein, das wollen wir nun wirklich nicht.

Wo doch neben mir angespanntem 33-Jährigem gerade das blühende 68-jährige Leben dieser berühmten Scheinwerfer-Lichtgestalt steht. Zwar auch gepudert, aber einfach so verdammt selbstbewusst – Jörg Draeger. Ja, der Draeger, der mit dem legendä­ren Schnauzbart, mit dem Zonk, mit dem „Tor 1, Tor 2 oder Tor 3?“ und mit den vielen bunten Umschlägen. Der Moderator, der Anfang der 1990er  fünf Jahre lang „Geh aufs Ganze“ bei Sat.1 moderierte und später noch viele Jahre bei Kabel 1.

„Wir reden,
wir diskutieren, wir zocken und wir lachen.“

was ich mir schon lange

gewünscht habe

 

Neben Werner Schulze-Erdel vom „Familienduell“ und Harry Wijnvoord von „Der Preis ist heiß“ zählt er zu den drei deutschen Spielshow-Kultfiguren des Privatfernsehens – obwohl sie alle ihre Sendungen seit Jahrzehnten nicht mehr moderieren. Alle? Nicht ganz, seit Anfang 2014 entsteht in einem kleinen Fernsehstudio am Rande Düsseldorfs das, was sich viele Kinder aus den 1980ern wie ich lange gewünscht haben: Jörg Draeger moderiert wieder eine Sendung, in der er mit Kandidaten zockt – nicht auf den großen TV-Kanälen, sondern für die Internet-Fernseh-Station Family TV.

„Geh aufs Ganze“ darf sie nicht heißen, denn die Rechte liegen nicht beim Moderator. „So haben wir sie halt ‚Alle gegen Draeger‘ genannt  und das Konzept etwas verändert“, erzählt mir Jörg später lachend beim Interview.

Ja,  der Jörg“ und nicht „der Draeger“ – denn der Moderator, bei dessen Sendung ich damals immer Kandidat sein wollte, und ich duzen uns jetzt. Nachdem ich ihn heute, mehr als 20 Jahre später, erst als Kandidat und dann als Journalist getroffen habe, hätte ich trotz der einzuhaltenden kritischen Distanz alles andere auch als komisch empfunden. Schließlich kenne ich ihn irgendwie schon seit meiner Kindheit.

Jetzt, vor den fünf Kameras und neben ihm stehend, frage ich mich, ob ich mir diesen Kindheitstraum wirklich erfüllen musste. Hinten im Publikum war es irgendwie entspannter. Die ersten drei Fragen meistere ich aber ganz gut – na ja, es ist ja auch keine Quizshow, sondern Dräger will nur meinen Namen und meinen Beruf wissen und wo ich denn arbeite. Ich spreche ziemlich leise und rege mich im selben Moment schon innerlich darüber auf, wie wenig souverän ich nun wohl rüberkomme. Später bei der Ausstrahlung wird sich zeigen, dass die Mikrofone sehr gut funktioniert haben und meine ausnahmsweise mal zarte Stimme gar nicht so schüchtern klingt.

„Bei 300 Euro nimmst du das Geld und steigst aus.“

Das kann ich in dem Moment aber nicht ahnen und feuere mich heimlich selbst an. Von da an läuft es. Ich soll mich, genau wie meine Mitspielerin, zwischen bunten Halbkugeln entscheiden, die vor mir auf einem Flügel liegen. Darunter sind Geldbeträge, die ich erspielen kann. Ich tippe auf eine der grünen Rundungen und lasse mich davon nicht abbringen.

Schließlich ist es eh ein reines Glücksspiel. Jörg versucht sein Bestes, um mich von meiner Wahl abzubringen. Wir reden, wir diskutieren, wir zocken und wir lachen. Fast hätte ich mich umstimmen lassen, als er mir erst 100 Euro, dann 200 Euro als Sofortgewinn angeboten hat. Ich fordere etwas mehr von ihm und sage mir: „Bei 300 Euro nimmst du das Geld und steigst aus.“ Doch diese Rechnung habe ich ohne den Zockermeister gemacht. „Sobald ich merke, dass einer gierig wird, kriegt er gar nichts“, erklärt er mir und grinst mich mit seinem frechsten Gewinnergesicht an. Nun sind selbst die 200 Euro wieder weg. Egal.

Ich bleibe souverän und trotz zahlreicher erneuter Versuche, mich umzustimmen, bei meiner grünen Hoffnung. Irgendwann bleibt ihm nichts anderes mehr übrig und er deckt sie auf.

Ich gewinne satte 2.000 Euro – leider nicht in bar, sondern nur vorläufig für das Halbfinale, in dem ich sie verteidigen muss.

 

prahlen ist nicht seine sache

 

Zu den goldenen Zeiten, also damals bei „Geh aufs Ganze“, hätte ich in diesem Moment die 2.000 Euro wirklich gewonnen. Mindestens, denn dieser Betrag wäre eher ein kleiner Preis gewesen. In dem wochentäglichen Format haute Sat.1 nicht nur Bargeld raus, sondern auch zahlreiche Sachgewinne von der Reise bis zum Auto. Die Werbeindustrie buchte in dem fließbandartig günstig produzierten TV-Format fleißig ihre Spots. Eine Cashcow über Jahre – für Sat.1 und für Jörg Draeger. Mehrere Tausend Sendungen kamen so zustande. Wie viele genau, weiß er nicht mehr. Prahlen ist ohnehin nicht seine Sache. Während sich andere TV-Promis mit möglichst zahlreichen Berufsbezeichnungen schmücken, sagt Draeger einfach: „Moderator reicht.“

„Eine Cashcow über Jahre für SAT.1 und für Jörg Draeger.“

Als Conférencier oder Entertainer würde er sich selbst nie bezeichnen. „Ich kann nur unterhaltsam durch eine Sendung führen, wenn die Kandidaten interessante Typen sind. Dann brenne ich für meinen Job und es macht Spaß wie früher. Öffnen sie sich mir nicht, kann auch ich das Ruder nicht umreißen.“ In vielen Produktionen der ersten und zweiten Staffel bei Family TV hatte er Glück mit den Kandidaten. Dann wurden es charmante, kleine Fernsehmomente, fernab von dem Immer-größer, Immer-schneller und den immer höheren Gewinnen der großen Sender. Vielleicht liegt es auch mit daran, dass Jörg Draeger „zwar heftig hart sein kann, aber mit seinen herausfordernden Sprüchen nie unter die Gürtellinie geht“, wie er seine Art zu moderieren selbst zutreffend beschreibt.

Er möchte liebend gern jedes Spiel gewinnen, würde dabei aber nie einen Kandidaten betrügen, sondern lässt ihm immer eine faire Chance, das Glück auf seine Seite zu ziehen. Da kommt dann doch der soziale Mitmensch in ihm durch, der stolz von seiner 13-jährigen Tochter und seinem gerade erwachsenen Sohn erzählt – und von seiner Mutter, die mit 93 Jahren noch nicht einmal die älteste Person im Haushalt Draeger ist. Jörgs Frau hat sich stark dafür gemacht, auch seine Patentante mit aufzunehmen, nachdem deren Kinder sie ins Heim geben sollten. Mit 96 Jahren ist sie „noch fit im Kopf, aber muss halt oft zum Arzt“, erzählt er. So wird er zum fürsorglichen, unglamourösen Senioren-Chauffeur, wenn er nicht gerade „Alle gegen Draeger“ moderiert, auf einer Messe auftritt oder eine Gala präsentiert, was er überhaupt nicht als Abstieg nach der großen TV-Zeit sieht: „Auch wenn man es mir nicht glauben mag, aber da bin ich mit mir im Reinen. Es macht alles großen Spaß, und mal sehen, was noch kommt.“ Was noch kommt? „Alle gegen Draeger“ leider vorerst nicht mehr.

Im Interview sprach der Fernsehmacher noch von einer dritten Staffel  mit 18 neuen Folgen, wöchentlicher statt monatlicher Ausstrahlung und größeren Gewinnen für die Kandidaten. Eigentlich war schon alles mit dem Senderchef besprochen, doch dann kommunizierte Family TV plötzlich über Facebook das Ende der Zocker-Show. Das Budget fließe stattdessen in die Verbreitung der Senderfrequenzen. Draegers Gastspiel war also kurz – genau wie mein Erfolg als Kandidat in der Sendung. Im Halbfinale war für mich Schluss, da mein Würfel einfach nicht die Zahl anzeigen wollte, die Jörg Draeger vorgegeben hatte. Meine Bilanz: Gewonnen: 0, Wunsch erfüllt: 100 Prozent. Schönes Schicksal und ein einmaliges Erlebnis vor 1,3 Millionen Internetzuschauern.

 

„Es macht alles großen Spaß und mal sehen, was noch kommt.“

Nils Hille, Redakteur bei corps, war beeindruckt, wie offen und uneitel Jörg Draeger mit ihm auch über seine Misserfolge, Hoffnungen und sein Privatleben gesprochen hat.

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Text NILS HILLE Fotos FAMILY TV

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