Mit atemberaubender Geschwindigkeit rast der kleine Hartgummiball über das Spielfeld. Tack-Tack-Tack. Fast unsichtbar für das Auge flitzt der Ball aus der Tiefe des Raumes zur Dreierreihe im Sturm. Dort saust er von der linken Außenfigur in die Mitte. Die gegnerische Abwehr versucht, das eigene Tor zu sichern. Ein kurzer Blick, eine schnelle Handbewegung, ein sattes Klack! 1:0 für das rote Team. Kein Zweifel, das Spiel am Kickertisch ist eine Mischung aus Geschicklichkeit, Konzentration, Talent und Tempo. Und erinnert tatsächlich an ein Duell auf dem echten Rasen. Kleinste Fehler werden sofort bestraft. Geht die Konzentration flöten, wird ein Schuss durchgelassen, werden klare Chancen vergeben – dann ist das Spiel verloren. Wenn dann auch noch die eigenen Figuren samt Stange hektisch hin- und hergezogen werden, folgen Tore im Sekundentakt – allerdings für den Gegner.

Die 1,44 Meter lange und 76 Zentimeter breite corps-Arena in der Kaffeeküche von corps fasziniert. Geschäftsführer, Redakteure, Objektleiter,  Grafiker, Anzeigenvermarkter und sogar Kunden – am Kickertisch kann jeder und jede sich profilieren und Tore schießen.

Da hilft nur üben, üben, üben.

Trotz alledem oder gerade deswegen: Kickern macht Spaß. Vor allem am Arbeitsplatz. Wie in jedem Agentur-klischee steht natürlich auch bei corps ein Kickertisch. Die Regeln sind einfach. Wer als Erster sieben Tore schießt, hat gewonnen. Ganz egal, ob Chef oder Praktikant – nach dem Spiel klatschen sich die Sieger ab. Und auch wer verliert, behält sein Lächeln und die gute Laune. Wer aber richtig gut werden will, muss üben. Viel üben. So wie ich. Denn bisher falle ich regelmäßig mit suboptimalen Leistungen am Kickertisch aus dem sportlichen Rahmen: pro Mittagspause setzt es gefühlt sechs 1:7-Niederlagen in fünf Spielen. Für stundenlanges Training fehlt mir die Zeit. Zum Glück gibt es eine andere Möglichkeit: Ich schaue mir einfach einige Tricks bei einem Kicker-Profi ab.

Thuy-Van Truong (30) ist so ein Champion. K­­icker-Bundesligaspielerin, hoch gehandeltes Nachwuchstalent aus der Fußball-Überraschungsstadt Paderborn und amtierende Weltrekordhalterin im Tischfußball-Marathon über 25 Stunden. In Minden geboren, hat Thuy erfolgreich Englisch und Kunst auf Lehramt an der Uni Paderborn studiert, ist Stipendiatin der Stiftung Studienfonds Ostwestfalen-Lippe und Trägerin des oldemar-Winkler-Förderpreises für junge Künstler. Und was begeistert sie, die angehende Pädagogin, am Kickern? Die Konzentration, die präzisen Pässe, die Schnelligkeit und das explosionsartig gute Gefühl, wenn der Ball ins Tor knallt.

Auch wer verliert, behält sein Lächeln und die gute Laune

„Ein fantastischer Ausgleich zum Studium und zur Arbeit an der Schule.“ Thuy gehört zum Team von „5meter“. Die Tischfußballexperten aus Berlin vermieten Kickertische in ganz Deutschland und helfen weiter, wenn man oder frau beim Kampf um Tore und Punkte besser werden will, aber nicht so richtig weiß, wie das funktionieren soll. Zudem organisieren sie Events rund um den Tischfußball – vom privaten Familienfest über Veranstaltungen in mittelständischen Betrieben bis hin zu großen börsen­notierten Unternehmen. ­Oder eben ein Sondertraining in der corps-Redaktion . . .

Natürlich drängen sich jede Menge Zuschauer um den Kickertisch. Hoch konzentriert stehen Thuy und ich am Tisch. Ich trage das rot-blau gestreifte Trikot des Wuppertaler SV, früherer Bundesligist, UEFA-Cup-Teilnehmer in der Saison 1973/74 und seit frühester Kindheit mein Lieblingsverein. Thuy hat das violette Trikot ihres Studentenkickerteams TFC Paderwahn übergestreift. Mit ihrem Gewicht von 45 Kilo und einer Größe von 1,52 Metern wirkt Thuy auf den ersten Blick zart und zerbrechlich – doch am Kickertisch ist das Gegenteil der Fall: Knallhart versenkt sie einen Ball nach dem anderen im Tor.

Ballgefühl, Ballgefühl und nochmals Ballgefühl

  • DIE PARTIE

    Wenn die Turnierleitung nicht anders entscheidet, besteht eine Partie aus 3 Gewinnsätzen. Jeder Satz geht bis 5. Wird der fünfte Satz ausgetragen, benötigt man zum Sieg außerdem einen Vorsprung von mindestens 2 Toren, gewinnt aber spätestens mit dem 8. Tor.

  • SPIELAUFNAHME

    Vor Spielbeginn wird eine Münze geworfen. Die Mannschaft, die den Münzwurf gewinnt, darf entweder die Tischseite oder das Recht der ersten Auflage wählen. Die andere Mannschaft erhält damit automatisch die verbleibende Option.

  • PASSEN

    Ein gestoppter oder geklemmter Ball muss vor dem Pass auf die nächste Reihe (das heißt, aus dem Abwehrbereich auf die Fünferreihe - beziehungsweise von dieser auf die Dreierreihe) mindestens zwei Figuren berühren.

  • TOTER BALL

    Ein Ball wird für tot erklärt, wenn er bewegungslos liegt und von keiner Spielfigur erreicht werden kann. Liegt ein Ball tot zwischen den Fünferreihen, wird er auf der Fünferreihe der Mannschaft ins Spiel gebracht, die zuletzt das Auflagerecht hatte. Liegt ein Ball tot zwischen Tor und Fünferreihe, wird er auf der Zweierreihe, die näher am Ball ist, ins Spiel gebracht. Jeweils muss die Bereitschaft beachtet werden. Ein Ball, der in Ruhe auf der Torwartstange liegt, gilt als tot.

  • BALL IM AUS

    Verlässt der Ball das Spielfeld, bringt die Mannschaft, die sich bei der letzten kontrollierten Aktion in der Defensive befand, den Ball unter Beachtung der Bereitschaft im Abwehrbereich zurück ins Spiel.

  • RUNDSCHLAGEN

    Rundschlag, das heißt, die Stange dreht sich vor oder nach Ballberührung um mehr als 360°, ist verboten und zählt als Foul.

  • TECHNISCHES FOUL

    Der Gegner erhält den Ball zur Ausführung genau eines Schussversuches auf die Dreierreihe. Nur der schießende und abwehrende Spieler dürfen dabei am Tisch stehen. Nachdem die Bereitschaft geklärt wurde, gilt der Schuss als ausgeführt, sobald der Ball die Dreierreihe verlässt. Wird der Ball im Defensivbereich gestoppt oder verlässt diesen, ist der Versuch beendet. Wurde dabei ein Tor erzielt, erhält die Mannschaft das Auflagerecht, gegen die das Tor erzielt wurde. Andernfalls wird das Spiel an der ursprünglichen Position vor dem technischen Foul unter Berücksichtigung der Bereitschaft fortgesetzt.

DIE REGELN

Auszug „Internationale Tischfußball-Regeln“

Vor dem eigentlichen Training erfahre ich allerdings erst einmal, welche Fähigkeiten einen Hobbyspieler zum Champion machen: Allen voran Ballgefühl, Ballgefühl und nochmals Ballgefühl. Außerdem sollte ein ambitionierter Kickerspieler in der Lage sein, das Spiel des Gegners zu lesen. Antizipieren heißt das bei den Kollegen in der Sportredaktion. Also aus dem Blick des Gegners oder der Anspannung seiner Muskeln intuitiv den nächsten Spielzug erahnen und entsprechend schnell reagieren. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn: „Das ist schwer zu lernen und hat viel mit Feingefühl und Scharfsinn zu tun“, sagt Thuy und fügt hinzu: „Richtig gute Spieler unterscheiden sich von guten Spielern dadurch, dass sie einen umherfliegenden Ball schnell unter Kontrolle bringen und dann blitzschnell den eigenen Angriff starten.“ Umschaltspiel also.

Ebenso wichtig sei auch die Auge-Hand-Koordination, erfahre ich noch, und dann geht es los. Thuy und ich stehen uns gegenüber. „Fertig?“, frage ich, und sofort antwortet meine Trainerin: „Fertig!“ Kaum stecke ich den Ball durch das schmale Einwurfloch an der Mittellinie, versuche mich am ersten Spielzug, ringe mit der Ball­behandlung, Schuss- und Passtechnik – da zeigt das durchdringende „Plop“ auch schon lautstark an, dass der Ball nicht nur die Linie meines Tores überquert hat, sondern auch mit voller Wucht gegen das Gehäuse geknallt ist. „Schätzungsweise 60 Stunden­kilometer schnell“, sagt Thuy.

Meine Vorstellungen vom eigenen furiosen Kombinationsspiel waren abrupt in Thuys Abwehrreihe geendet und ich lernte ebenso schnell wie schmerzhaft, wie es richtig geht. Blitzschnell hatte meine Trainerin den Ball aus der Verteidigung in die Fünferreihe im Mittelfeld gespielt und sofort in den Sturm weitergeleitet, wo dann nicht lange gefackelt worden war.

Wichtigster Mannschaftsteil beim Kickern ist die Fünferreihe in der Mitte des Tisches. Von hier werden die drei Stürmer direkt oder nach kurzem Querpass mit geraden oder angeschnittenen Pässen versorgt. In der Sturmreihe darf die Hartplastikkugel wiederum nur maximal 15 Sekunden rotieren. So jedenfalls will es das offizielle Reglement. Wie beim richtigen Fußball ist alles präzise geregelt. Die beiden Abwehrspieler bilden den Block vor dem Torwart, der gewissermaßen als Ausputzer beziehungsweise Libero agiert – so wie Manuel Neuer bei der WM in Brasilien. Und: Drehen ist Kinderkram. Eine Umdrehung ist laut Regelwerk zwar gestattet. Doch alles, was über einen 360-Grad-Rundschlag hinausgeht, ist verboten. Und beim Anstoß muss der Ball laut Reglement erst einmal im Mittelfeld gespielt werden. Beim sogenannten Tic-Tac wird die Kugel mit dem Innenspann zwischen den Figuren einer Stange hin- und hergepasst.

Wenn dem Gegner allein schon vom Zusehen schwindelig wird, ist es an der Zeit, den Ball mit einem schnellen Kurzpass durch eine ungedeckte Lücke in die Sturmreihe zu schieben und abzuschließen. Von Fünf auf Drei, nennen das Kickerexperten. Ähnlich beliebt und tückisch, aber technisch längst nicht so anspruchsvoll ist der Bandenschuss – eine Variante, die gerne von der Abwehrreihe genutzt wird. Im richtigen schrägen Winkel mit voller Wucht getroffen, knallt der Ball dann zunächst gegen eine der Banden und anschließend ins gegnerische Tor. Vorausgesetzt der Tisch wird bei diesem kraftvollen Schuss nicht hin und her gerückt, verschoben oder angehoben. Das wäre nämlich ein Foul – und das Tor somit ungültig.

Und zu welcher Schusstechnik rät Thuy nun einem lernwilligen Kicker-Novizen? „Der Jet-Shot überrascht den Gegner, ist leicht zu lernen und eignet sich deshalb hervorragend für Anfänger“, sagt sie. Ich probiere es aus. Stimmt. Der Ball wird von der Spielfigur vorne eingeklemmt. Dann folgt nach einer leichten Seitenbewegung der Überschlag und ruck,zuck kracht es im gegnerischen Gehäuse. Unglaublich. Allerdings darf bei diesem Schuss, der in den USA „Snake“ (Schlange) genannt wird, die 360-Grad-Regel nicht gebrochen werden. Das Ganze ganz langsam: Das Handgelenk an die Stange legen, den Arm flott nach oben ziehen, dabei die Stange über die gesamte Handfläche gleiten lassen und den Griff schließlich mit den leicht gekrümmten Fingern auffangen. Alternativ wird gerne der Pin-Shot verwendet, erfahre ich.

Erlaubte Hilfsmittel? Griffbänder und Silikonöl

Dabei klemmt der Mittelstürmer den Ball vorne ein und zieht dann schnell nach links oder rechts, um so am gegnerischen Abwehrspieler vorbeizukommen. Wenn das einigermaßen gut gelingt, muss der Spieler mit seinem Fußblock nur noch nach vorne schnellen und das Tor machen. Klingt wieder einfach, ist es aber nicht. Bei allen Aktionen am Kickertisch sollten die Daumen übrigens zart auf den Griffen liegen. Denn so kann der Ball durch Abrollen und mit etwas Übung deutlich schneller und härter geschossen werden. Und wie sieht es mit Hilfsmitteln aus, mit Profiausrüstung? Die dürfe natürlich auch nicht fehlen, sagt Thuy und zählt auf: „Fingerlinge oder Griffbänder, um den Halt an den Griffen zu verbessern. Zudem Silikonöl oder Pronto Möbelspray Classic, die die Stangen besser gleiten lassen.“ Nur ein ganz besonderes Hilfsmittel ist in keinem Geschäft der Welt zu kaufen – der unbändige Spaß beim schnellen Spiel, auch wenn der Gegner mit 5:0 führt. Und die Freude, wenn nach einer halbwegs gelungenen Kombination der Ball dann doch irgendwie im Tor landet. Thuy hat sich jedenfalls jede Mühe gegeben, aus mir, dem eher unbedarften Kickerfreund aus der Mittagspause, einen hoch motivierten, konzentrierten und torgefährlichen Spitzenspieler zu formen. Die bisherigen Büro-Champions befürchten schon, dass bei corps eine neue Ära des Tischfußballs eingeleitet wird. Falls es damit wider Erwarten nicht auf Anhieb klappen sollte, ist das auch nicht so schlimm. Was zählt, sind Stimmung, Spiellust und Spannung – und natürlich das Hochgefühl, wenn die kleine Hartgummikugel mit ohrenbetäubendem Lärm ins Tor knallt.

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