IF / DROTTSFÖRENING

HAMM

ARBY

 Hammarby IF, offiziell Hammarby

idrottsförening (Deutsch: Hammarby Sportvereinigung), umgangssprachlich Bajen (früher Hammarbaj), ist ein schwedischer Sportverein aus Stockholm.

 

 Er wurde 1889 als Hammarby Roddförening (Deutsch: Ruderver-einigung) gegründet, änderte jedoch schon acht Jahre später den Namen, da man mehr Sportarten als Rudern betrieb. Die erfolgreichsten Sportarten des Vereins sind Handball, Bandy, Eishockey,
Fußball und Speedway.

JUST IDAG ÄR
JAG STARK*

* So der Titel der Vereinshymne des Künstlers Kenta.

Frei übersetzt:

"Genau heute bin ich stark."

WO DIE LEIDENSCHAFT

LEBT …

 

 

Wer glaubt, dass die Schweden zurückhaltende Menschen sind, die funktionale Möbel und kühles Design lieben, liegt sicher nicht ganz falsch. Sie können aber auch anders.

Leidenschaftlich, verrückt und bedingungslos. Wie alle Fans fiebern die Anhänger von

Hammarby IF mit ihrem Verein – nur dass

ihnen ganz egal ist, ob die Spieler gewinnen oder verlieren.

 

Was zählt, ist die wöchentliche Party.

 

 

Marcus Ziegler kennt alle und jeden. So scheint es zumindest. Immer wieder bleibt der 44-Jährige auf seinem Weg zum „Hovet“ stehen, dem altehrwürdigen Eishockeystadion im Stockholmer Stadtteil Södermalm, klopft auf Schultern, schüttelt Hände und begrüßt Menschen in Grün-Weiß – den Farben ihres Vereins, den alle statt Hammarby nur Bajen nennen. Jugendliche, Gleichaltrige, aber auch ältere Semester sprechen ihn an, fragen nach Bajen, und immer lächelt er und spricht über die Dinge, die er gerade plant und organisiert. An diesem Septemberwochenende geht es vor allem um das sogenannte Bajenfest. An einem Tag spielt morgens zunächst das Eishockeyteam im Hovet. Am frühen Abend sind dann die Fußballer im neuen Stadion, der benachbarten Tele2Arena, an der Reihe.

 

Marcus ist verantwortlich für den Ticketverkauf rund um das Eishockeyspiel. Er führt an diesem Tag sicher 100 Telefonate und bringt noch Karten an den Mann und die Frau. Am Ende sind knapp 3.500 Zuschauer beim Saisonstart der Eishockeymannschaft vor Ort. „3.500 Zuschauer sind für die dritte Liga in Ordnung.“ Sagt Marcus. „Aber ich hätte mir schon noch ein paar mehr gewünscht. Das Team hat es verdient. Die Spieler verzichten alle auf Bezahlung. Wir sind das einzige Team in dieser Liga, das seinen Spielern nichts zahlen kann.“ Geld bekommt Ziegler für seinen Einsatz keins, seine Leidenschaft und die Nähe zur Mannschaft sind ihm Antrieb genug. Er ist ein Fan wie jeder andere auch.

Genau davon lebt – und überlebt – der

Verein, der nicht nur ein professionelles Eishockeyteam und eine Fußballmannschaft in der zweiten Liga unterhält. Hammarby spielt außerdem Handball und Bandy, eine skandinavische Hockeyvariante, in der jeweils höchsten schwedischen Liga.

 

Nordisch

bedingungslos

 

Wer die Bindung von Fans und Verein mit deutschen Clubs vergleichen möchte, kommt bestenfalls auf den FC St. Pauli oder Union Berlin. Genau wie sie ist Hammarby in der schwedischen Hauptstadt der sportliche Underdog. Doch was die bedingungslose Unterstützung ihres Vereins angeht, sind die vermeintlich kühlen, zurückhaltenden Nordlichter schier unschlagbar.

 

So wie Ziegler engagieren sich mehrere Hundert Fans ehrenamtlich für Hammarby. „Ich arbeite oft länger und mehr für Bajen als für meinen eigentlichen Arbeitgeber“, sagt Marcus Ziegler. „Es gibt Tage, da beschäftige ich mich zehn Stunden am Stück mit Hammarby.“ Vor und nach seinem regulären Job als Mitarbeiter eines schwedischen Finanzdienstleisters organisiert er Treffen, Aktionen über Facebookgruppen, sucht Sponsoren oder lässt die Stadionhefte für die Saison produzieren, die er gerade noch Kindern gegeben hat, die sie im Hovet an die Fans verteilen. Dass das Eishockeyteam am Ende mit 2:4 verliert, spielt für ihn keine große Rolle. Der Stimmung im Hovet tut es ohnehin keinen Abbruch. Schließlich ist Bajenfest und die Saison noch lang.

 

„Was uns vereint, sind keine Ergebnisse oder Erfolge aus der Vergangenheit. Es ist auch keine politische Einstellung oder unser Image als ewige Loser“, erzählt Johan Appelgren. Der 50-Jährige ist ein Hammarby-Urgestein. Sein Auftreten erinnert an einen Seemann. Groß gewachsen, mit Vollbart und klarem Blick, strahlt er eine stoische Ruhe aus. „Uns vereint, dass wir immer und überall eine Riesenparty veranstalten und dass wir immer mehr trinken als alle anderen“, sagt er. Das sei schon immer so gewesen, auch in den 1980er-Jahren, als Hammarby noch eine große Adresse im schwedischen Fußball war. Zu einem UEFA-Cup-Auswärtsspiel in Finnland machten sich Tausende auf den Weg über die Ostsee, um ihren Verein zu unterstützen. Doch schon nach kurzer Zeit gingen die Biervorräte auf der Fähre zur Neige. Die Überfahrt dauert gut 17 Stunden, also vernichteten die Fans auch den restlichen Alkohol an Bord. Am Ende tranken die starken Jungs Eierlikör. „Wie das Spiel ausgegangen ist, weiß ich nicht mehr“, sagt Johan. „Aber das ist auch egal. Die Party auf dem Schiff jedenfalls ist bis heute legendär.“

 

OHNE DIE FANS

GEHT ES NICHT

 

Er könnte noch etliche solcher Geschichten erzählen – wenn er nicht weiter müsste. Er betreibt einen Stand im Stadion. Dort gibt es neben dem offiziellen Fanartikelverkauf mehrere Stände, an denen die Fan-Gruppierungen ihre eigenen Utensilien verkaufen. Das ist nicht nur akzeptiert, sondern erwünscht. „Wir sind eben ein Verein von Fans für Fans“, sagt Henrik Kindlund. Der CEO von Hammarby IF sitzt bei all dem Trubel in einem Café zwischen Hovet und Tele2Arena und nippt an seinem Cappuccino. Die Anhänger als tragende Säule – das sei das oberste Gebot für Hammarby. In nahezu allen Belangen bindet der Verein sie ein. Ohne die Zustimmung der Fans laufe nichts, egal, ob es um Mitgliedschaften, Merchandising oder Ticketing gehe, so Kindlund. Ein Beispiel: Vor gut zwei Jahren mussten die Fußballprofis das alte Söderstadion verlassen. Es war alt und zugig, hatte 16.000 Plätze, die meisten davon zum Stehen und ohne Tribünendach. Aber es hatte Kultstatus. Dort war Hammarby auf- und abgestiegen, dort hatten die Fans 2001 den letzten, und einzigen, schwedischen Meistertitel gefeiert. Doch Kindlund war sich damals schon sicher, dass der Umzug in das neue Stadion gut gelingen wird.

Er vermittelte den Fans, dass es nicht ums Stadion gehe, sondern vor allem um die Menschen, die es füllen, die aus dem Spiel ein Erlebnis machen, Woche für Woche. „Und genau die kommen schließlich auch alle ins neue Stadion.“ Sogar noch mehr. Die alte Arena war meistens ausverkauft und die Karten, aufgrund der geringen Kapazität, waren entsprechend teuer. In der neuen Arena sind die Karten günstiger und jeder hat Platz.

„Die Karten im Söderstadion waren relativ teuer und die meisten Tickets seit Jahren in den Händen derselben Fans“, sagt Simon Sandström. Er ist Anführer der Ultra-Gruppierung E1, benannt nach dem Block, in dem seine Gruppe steht. Einer von insgesamt vier Ultra-Gruppen, die Hammarby anfeuern und immer wieder mit Gesängen, Aktionen und Choreografien für Gänsehaut­momente sorgen. Die neue Arena fasst mit 31.000 Plätzen fast doppelt so viele Zuschauer. „Zuletzt hatten wir im Schnitt mindestens 20.000 Fans hier“, sagt Simon, während er auf einem kleinen Podest vor seinem Block steht. Von dort stimmt er während des Spiels immer wieder Wechselgesänge und andere Fangesänge an. Auch er sieht Hammarby als große Familie und freut sich, wenn sie wächst. „Deshalb liebe ich die neue Arena.“ Sie gebe dem Verein ganz andere Möglichkeiten und bringe eine Menge junger und neuer Fans, die im alten Söderstadion keine Karten bekommen haben. Wenn Bajen spielt, stehen und sitzen Punks neben Hooligans, Hafenarbeiter neben Familienvätern mit ihren Kindern. „Alle Fangruppierungen, egal ob normale Fans, Ultras oder auch Hooligans, arbeiten zusammen, akzeptieren und respektieren sich. Das macht uns aus und einzigartig“, sagt Simon. Er selbst ist Vater von zwei Töchtern, die er allerdings nicht zu sehr an den Verein heranführen möchte. „Hinterher treffen sie auf einen Typen wie mich. Das will ich nicht“, sagt er lachend.

 

GRöSSER ALS

DIE WIRKLICH GROSSEN

 

Dann schon eher jemanden wie Stefan Batan, den linken Verteidiger von Hammarby IF. Sein Team gewinnt an diesem Abend mit 6:0 und lässt dem Gegner Syrianska in der Superettan, der zweiten schwedischen Liga, nicht den Hauch einer Chance. Mit einem Tor und einer Vorbereitung wird Batan zum Spieler des Abends – und genießt die Stimmung beim Bajenfest sichtlich. „Als das Angebot von Hammarby kam, war das eine richtige Ehre. Wenn man hier spielt, vor so vielen Fans, dann hat man das Gefühl, in einem echten Club, in einer großen Liga zu spielen“, sagt Batan, der erst zu Saisonbeginn zu Hammarby gewechselt ist. Dass das sportliche Niveau in Deutschland bestenfalls für die 3. Liga reichen würde, ist Nebensache. Das Stadion, die Stimmung und mehr als 20.000 Zuschauer vermitteln den Eindruck, als ginge es tatsächlich um großen Sport. Nur zum Vergleich: Die meisten anderen Vereine in der Superettan bringen es gerade mal auf 20.000 Heimspielzuschauer pro Saison. Und auch der große Stadtrivale AIK Stockholm hat bei Weitem nicht einen solch hohen Zuschauerschnitt. Dabei spielt AIK in der ersten Liga und ist auch in der Europa-Liga aktiv.

 

Es ist gut gelaufen für Batan und seine Mannschaftskollegen: Sie sind kürzlich in die schwedische Oberklasse aufgestiegen. „In vier bis fünf Jahren wollen wir oben in der ersten Liga mitspielen“, sagt Bajen-Vorstand Kindlund. Gleichzeitig ist ihm klar, dass das nicht ohne das nötige Kleingeld geht. Einer der Hauptanteilseigener des Clubs ist bereits der amerikanische Investor AEG, der unter anderem auch in Deutschland aktiv ist, zum Beispiel bei den Eisbären aus Berlin. „Sie sehen unser Potenzial“, sagt Kindlund. Eine Masse an Fans, die bedingungslos hinter den Teams steht. Ein schlafender Riese, der nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Und das Ganze in einer Liga, in der es vergleichsweise einfach ist, mit Geld und guten Strukturen erfolgreich Fußball zu spielen. Einfacher als in anderen europäischen Ligen.

 

Keiner im Verein würde sich deshalb gegen einen weiteren potenten Geldgeber zur Wehr setzen, sagt Kindlund. „Aber wir müssten ihn uns sehr gut ansehen und er muss zu uns passen.“ Wäre das nicht der Fall, dann würden die Fans eher die Arena niederbrennen, als das zu akzeptieren. Man merkt Kindlund an, dass er dies den Anhängern des Vereins ohne jeden Zweifel zutrauen würde. Er hat Respekt vor ihnen. „Durch unsere Fans sind wir eine echte Marke in Schweden. Das würde ich niemals aufs Spiel setzen.“ Die Maxime „von Fans für Fans“ gilt als ehernes Gesetz, erst recht in erfolgreichen Zeiten. Denn das ist es, was Marcus Ziegler, Johan Appelgren und Simon Sandström zu Hammarby zieht – und was den Verein so einzigartig macht.

Jan Leiskau, Objektleiter bei corps, hantiert beruflich eher mit Terminen und Zahlen. Für etepetete erfüllt er sich einen Traum – und schreibt eine Reportage über sein Lieblingsthema Fußball.

„Ich arbeite oft länger und

eigentlichen Arbeitgeber.“

Marcus Ziegler

mehr für Bajen als für meinen

„Uns vereint, dass wir immer

mehr trinken als alle anderen.“

Johan Appelgren

veranstalten und dass wir immer

und überall eine riesenparty

„In vier bis fünf Jahren

ersten Liga mitspielen.“

Henrik Kindlund

wollen wir oben in der

„Wenn Bajen spielt, stehen und

Familienvätern mit ihren Kindern.“

Simon Sandström

Stefan Batan

Hafenarbeiter neben

sitzen Punks neben Hooligans,

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