Essen wie Tom Hanks

Text Marcel berndt Foto Dominik Asbach

Illustrationen christin müller, Julia Ries

Wer wie ein Hollywood-Star speisen will, braucht nicht in die Filmstadt zu fliegen. Es reicht ein Ausflug in die Düsseldorfer Tannenstraße. Tom Hanks hat hier drei mal die polnischen Maultaschen des Restaurants Malinas verputzt. Marcel Berndt auch, allerdings nur einmal.

Tom Hanks mag es fettig und fruchtig. Nachdem ich mir im ­Düsseldorfer Restaurant Malinas genau wie er sechs deftige Fleisch-Pierogi, einen obstreichen Tandoori-Hähnchen-Salat und zwei Tyskie-Pils gegönnt habe, verstehe ich, warum der Schauspieler im Frühjahr nicht genug davon bekommen konnte. Eines hat er aber verpasst:

Ein Gespräch mit Inhaber Alexander Skulik. Der Pole hat viel zu erzählen – über Kochen wie zu Omas Zeiten und das Zusammenspiel von Alt und Neu.

Immerhin muss Tom Hanks zugutegehalten werden, dass Skulik schon Feierabend hatte, als sich der Schauspieler das erste Mal an einem warmen Mai-Abend auf die Restaurant-Terrasse setzte. Gemeinsam mit drei Kollegen vom Filmset zu „Ein Hologramm für den König“ suchte er das Malinas kurz vor ­Küchenschluss gegen 22 Uhr auf. Als Regisseur Tom Tykwer zwei Tage später kurzfristig seinen Geburtstag im Malinas feierte, war Skulik zwar da, aber Hanks wird mit den anderen 60 Gästen genug beschäftigt gewesen sein. Beim dritten Mal schickte der Star lediglich die ­Caterer seines Privatjets, um Salate und Pierogi für den Rückflug in die USA abzuholen. Dieser Zuspruch, über den die Rheinische Post mit den Worten „Tom Hanks‘ neues Lieblingsrestaurant liegt in der Tannenstraße“ berichtete, hat mich neugierig gemacht. Wenn eine solche Hollywood-Größe, die schon in den­­­ besten Restaurants der Welt eingekehrt ist, auf diesen Laden schwört, dann muss er gut sein.

Kaum ein Mensch verirrt sich an diesem Dienstag um 17 Uhr in die Seitenstraße im Düsseldorfer Stadtteil ­Derendorf. Gegenüber einer alten Kasernenanlage liegt das Malinas in einem Gründerzeithaus, eingekesselt von zwei schlichten Nachkriegsbauten. ­

Als ich das Restaurant betrete, hat es noch geschlossen und Skulik bereitet sich mit seinen Mitarbeitern auf den abendlichen Betrieb vor. Während der Chef die verbleibende Stunde nutzt und durchs Lokal hetzt, erzählt mir Kellner Ioannis Melabiotis, wie er Tom Hanks erstmals begegnet ist.

An dem Abend will der Grieche der spät eingetroffenen, englisch sprechenden Gruppe die Karte bringen. Doch sie verzichten darauf und wissen bereits, was sie wollen. Das macht Melabiotis stutzig – gleiches gilt für den Mann, der neben dem Olivenbaum sitzt und aussieht wie Tom Hanks. Als Melabiotis wieder an den Tisch kommt, fragt er ihn, ob er tatsächlich der Schauspieler sei, und erntet ein „Yes“. Seine Aussage, das polnische Restaurant zufällig bei einem Spaziergang entdeckt zu­ ­haben, kauft der Kellner ihm nicht ab. „Ich denke, Sie sind extra so spät hierhergekommen, um ungestört zu sein“,
sagt der Grieche.

Die Rechnung ging nicht auf: Auch die Gäste am Nachbartisch erkennen Tom Hanks und bitten Melabiotis, ihn nach einem gemeinsamen Foto zu fragen. Hanks willigt ein – will aber erst essen. Der Haken: „Tom Hanks ist ein langsamer Esser“, sagt Melabiotis. Als der Schauspieler sieht, dass sich die anderen Gäste nach einer Stunde auf den Weg machen, springt er auf und ruft rüber: „Hey, ihr wolltet doch noch ein Foto machen.“ Das bekommen sie auch ebenso wie das Team vom Malinas. Das Foto hängt nicht im Restaurant und wird es auch nicht, sagt Skulik, der mittlerweile dazugestoßen ist. „Ich will hier keine Trophäensammlung.“ Die Einrichtung hat er bei Garagenverkäufen und Flohmärkten gesammelt. Die gebrauchten Holzstühle und -tische aus einer französischen Brasserie stehen auf einem Betonboden, in den Skulik vereinzelt 100 Jahre alte Kacheln eingelassen hat.­ Von der Decke strahlen außer Spots auch Lampen aus den Zwanziger-, Fünfziger und Sechzigerjahren, und an den grün­gestrichenen Wänden hängen historische Schwarzweißbilder neben Kunstfotografie. ­­Das einzige private Bild ist ein schwarzweißes Hochzeitsfoto, das im abtrennbaren Raum des Restaurants hängt. „Das ist meine Oma, die in meinen Armen gestorben ist“, sagt Skulik. Ihr Andenken will Skulik bewahren.

Kochen wie zu Omas Zeiten

 

So wie sie zu kochen hat er sich in seinem Restaurant vorgenommen. Daher stehen klassische polnische Gerichte wie schlesische Gurkensuppe, Bigos oder Kohlrouladen auf der Speisekarte.

Aber es geht Skulik weniger um die Gerichte, sondern um ihre Zubereitung. Das heißt, auf Fertigprodukte zu verzichten, Saucen mit Mehl anzumachen und Suppen aus dem Knochen heraus zu kochen. Das gilt für traditionelle Speisen genauso wie für Modegerichte, wie den Tandoori-Hähnchen-Salat.

Dahinter verberge sich aber meist nur Hähnchenfleisch mit Thaisauce aus der Dose. Wenn die Leute darauf stehen, dann will Skulik ihnen das auch bieten – aber so zubereitet, wie seine Oma es gemacht hätte. Mit Tandoori, Chili und Kräutern kreierte er seine eigene Marinade und legt das Hähnchenfleisch vom schlesischen Metzger darin vier, fünf Tage ein, bis es rot gefärbt ist.

Das Ergebnis schmeckt so gut, wie es aussieht. Nach dem Gespräch setze ich mich wie Tom Hanks draußen auf die weiß gestrichene Bierbank neben den Olivenbaum, blicke auf die sanierten Kasernenhäuser gegenüber und lasse mir das schmecken, was ihn begeistert hat. Der Haken am Tandoori-Hähnchen-Salat: Mit all den Erdbeeren, Mandarinen, Ananas, der Honigmelone und den Apfelscheiben wirkt er eher wie ein Obstteller. Für meinen ­Geschmack etwas zu viel des Guten. Die Fleisch-Pierogi sind gute, aber schwere Kost.

Als ich wieder reingehe, um mich zu verabschieden, frage ich Skulik nach seinem Rezept. „Bist du bekloppt“, ruft er heraus und lacht. Wer sich also mal das Gleiche wie Tom Hanks schmecken lassen will, muss selbst ins Malinas gehen. Dort speist der Gast wie ein Hollywood-Star. Und  zwar so gar nicht etepetete.

Marcel Berndt, Redakteur bei corps,  und Tom Hanks verbinden die Shrimps. Hanks fing sie als Forrest Gump, Berndt isst sie gerne. Nun wollte er sehen, was Hanks noch so mag  – und kam auf polnische Pierogi.

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