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Sie kreisen, fördern und verkrampfen. Eltern von heute erziehen Kinder, die in einer Leistungsgesellschaft bestehen sollen. Psychologen sprechen dabei gar von Kindesmisshandlung. Und das alles nur aus Liebe.

Hier also rollt Maxis Zukunft. Vielleicht aber auch die von Alex. Ledern ist sie und unter der ungewöhnlich grellen Septembersonne scheint sie ziemlich anstrengend. Doch es ist nicht die warme Spätsommerluft, die ihnen zusetzt, sondern die Hitze des Glatzkopfs. Auf Höhe der Mittellinie steht der Hüne mit verschränkten Armen hinter dem matten Aluminiumrohr, das den Fußballplatz von ihm trennt. „Schön, Alex. Super“, wird für eine lange Halbzeit das einzig Erbauliche sein, das der Mann mit dumpfer Stimme in Richtung Spielfeld bellt. Gerade hat Alex einen Gegenspieler zu Boden gebracht.

 

Während die beiden Düsseldorfer Jugendmannschaften um das erste Tor der Partie ringen, stehen die Eltern am Rand. Schreihälse, wie der Glatzkopf, analysierende Beobachter, gelangweilte Mütter, die an diesem Wochenende Fahrdienst haben, und eine kleine Gruppe, die sich über die Körperfülle des behäbig trabenden Schiris amüsiert. Die jungen Kicker auf dem Platz sind talentiert, spielen in der Leistungsklasse ihrer Altersgruppe. Wenn schon nicht Spielerfrau, dann Spielermutter, denkt vielleicht die nahe der Ecke stehende Anfang-Vierzigerin, die eine optische Hommage an Gaby Schusters beste Zeiten in den 80ern ist.

 

„Warte doch nicht! Zumachen! Ihr müsst die unter Druck setzen!“, raunzt der kahle Mann weiter über den Platz. Die, das sind zwölfjährige Kinder. Der Mann, das ist ein Vater. Manchmal vergisst der unbeteiligte Zuschauer das an diesem frühen Samstagnachmittag. Eines wird schnell deutlich: Für manche geht es um mehr als Sport an der frischen Luft. Es geht um Erfolg und die Träume ihrer ehrgeizigen Eltern. „Kinder müssen heute wie moderne Gladiatoren funktionieren“, sagt Professor Detlef H. Rost, Pädagogischer Psychologe und Entwicklungspsychologe an der Philipps-Universität Marburg und der Southwest University Chongqing (China). Mehr denn je kreisen Eltern heute um ihren Nachwuchs. Sie wollen das Beste aus ihm herausholen. Sie fördern, drängen und führen mit ihren Kindern eine Art Stellvertreterkrieg. Ihr Schlachtruf: „Mein Kind macht mein Ding.“ Verkörpert wird dieses Phänomen von der berüchtigten „tiger mom“ Amy Chua. Die Juraprofessorin an der Eliteuniversität Yale erhitzte mit ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ die Gemüter. Darin zelebriert sie ihren autoritären Erziehungsstil. So verwehrte sie ihren Töchtern etwas das Fernsehgucken – stattdessen wurden sie zum Lernen und Musizieren verdonnert. Pinkelpausen verboten. Wenn sie sich weigerten, drohte sie damit, das Lieblingsstofftier ihrer Tochter zu verbrennen. Rost beobachtet solche schauderhaften Auffassungen von Erziehung mit Sorge: „Einpeitscher sind immer kontraproduktiv“, sagt er. „Klar, jedes Kind hat mal einen Hänger und keine Lust auf Klavierunterricht oder Fußballtraining. Dann dürfen die Eltern auch mal etwas Druck ausüben – aber nur, wenn das Kind sein Hobby freiwillig macht.“

 

Mit drill

zum Tennis-star

 

Andre hatte keine Wahl. Tag für Tag musste er auf 2500 Bälle eindreschen. Mindestens. Sein Vater stand dabei unablässig schreiend in seinem Nacken. Der Siebenjährige kannte die Hölle, er wächst in ihr auf. „Ich hasse Tennis, hasse es von ganzem Herzen, und doch spiele ich weiter, schlage den ganzen Vormittag und den ganzen Nachmittag meine Bälle, weil mir nichts anderes übrig bleibt“, schreibt er 32 Jahre später. Sein Vater zeichnet seinen Lebensweg vor: „Du bist Tennisspieler! Du wirst die Nummer eins der Weltrangliste sein! Du wirst jede Menge Geld verdienen. So habe ich es geplant, und damit basta!“ Eine Prophezeiung, die für den jungen Andre Agassi quälenden Alltag bedeutet, ist für den erwachsenen Mann Gewissheit geworden, als er seine Biografie „Open“ veröffentlicht. Es sind die Kapitel einer schauerlichen Kindheit, die zeigen, wie der Ehrgeiz eines Vaters ein Kind brechen kann. „Mit der Zeit habe ich meinen Vater verinnerlicht – seine Ungeduld, seinen Perfektionismus, seine Wut –, bis seine Stimme klingt, als wäre es meine eigene.“ Andre funktioniert. Er wird ein Star.

 

Jonathan wird noch etwas warten müssen, bis er einen Wikipedia-Eintrag über sich lesen kann. Aber natürlich nur, weil er jetzt (mit seinen eineinhalb Jahren) noch nicht lesen kann. Aber spätestens in einem Jahr wird es so weit sein. Davon ist zumindest seine Mutter überzeugt. Während er den knallroten Leiterwagen im 20-Sekunden-Takt genussvoll gegen die ehemals weiß verputzte Wohnzimmerwand knallen lässt, erzählt sie von ihrer Vermutung, dass der Spross hochbegabt sei. Dann legt sie eine dramaturgische Pause ein und blickt triumphierend in die Runde ihrer Freundinnen. Schließlich könne er schon jetzt die kompliziertesten Obst- und Gemüsesorten aussprechen. Auch die Studienrichtung hat sie schon für den Kleinen im Hinterkopf. „Etwas Kreatives.“ Warum? Ganz eindeutig: Jonathan klebt gerne Dinge auf Papier.

 

Professor Rost leitet die Hochbegabten-Beratungsstelle BRAIN in Marburg und hat zumindest subjektiv den Eindruck, dass immer mehr Eltern glauben, dass ihre Kinder hochbegabt sind. „Allein die feste Überzeugung sagt aber nichts aus“, weiß der Experte. Viele Eltern seien ganz einfach erstaunt darüber, was ihr Kind alles kann. „Das ist eben eine Frage der Perspektive. Aber nur weil ein Kind in speziellen Bereichen mehr weiß als man selbst, muss es nicht hochbegabt sein“, sagt er.

 

wer die besten

chancen will, muss zahlen

 

Die Jonathans, Alex’ und Maximilians dieser Tage formieren sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Nicht nur, weil sie ihren Eltern gemäß später eine glänzende Karriere hinlegen werden. Auch weil es dafür zuvor einer adäquaten Förderung bedarf. Es gibt unzählige Angebote und Coaches, die versprechen, vermeintliche Schwächen von Kleinkindern im Keim zu ersticken. Wer auf Nummer sicher gehen will, belässt es nicht beim „Baby's Best Start“-Englischkurs am Nachmittag für Säuglinge ab drei Monaten, sondern meldet die Nachwuchshoffnung direkt in einer internationalen Kita an. In Meerbusch etwa stehen dort wie in etlichen anderen Privat-Kitas in der Bundesrepublik neben Musik und Englisch auch Mathe, Naturwissenschaften sowie Meditation auf dem Stundenplan.

 

Dabei sind diese bisweilen kostspieligen Angebote gar nicht notwendig, sagt Rost. „Solche Einrichtungen sind oft eine verbesserte Kindesmisshandlung. Sie stehen für ein völlig falsches Verständnis der kindlichen Entwicklung“, sagt er.  Aus gut gemeinter Förderung kann schnell Überforderung werden. Viel wichtiger seien eine anregungsreiche Umwelt und die Möglichkeit, die Umgebung erforschen zu können. Und das nicht nach Stundenplan. Wichtigster Motor des Lernens sei Neugier. „Schulisches Training ist im Kleinkindalter kontraindiziert. Immer wenn ein Kind keine Lust hat, sollte man es in Ruhe lassen.“ Er rät zur Gelassenheit.

 

„In einem Wirtschaftssystem, in dem Bildung und Arbeit belohnt werden und in dem Menschen mit geringer Bildung kämpfen müssen, sind Eltern natürlich hoch motiviert, ihre Kinder anzutreiben“, sagen die Wissenschaftler Matthias Doepke und Fabrizio Zilibotti. Und die Kleinkinder nehmen es hin. Erst um den vierten Geburtstag herum können Kinder reflektieren, was sie selbst eigentlich möchten. Ob sie lieber im Matsch spielen oder zum Geigenunterricht wollen. Erst später zeigt sich, welche Folgen der permanente Leistungsdruck haben kann: Rund ein Viertel der deutschen Kinder zeigt inzwischen laut WHO psychische Auffälligkeiten – mit steigender Tendenz. Verstärkt wird das Phänomen bei Jugendlichen durch das verkürzte Abitur nach acht Jahren und regelmäßige Leistungsvergleiche.

 

Auch das hat der kleine Jonathan noch vor sich. Seine Eltern geben alles, um sein Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Das haben sie mit den meisten Eltern von heute gemein. Sie öffnen Tore, bezahlen für bessere Chancen und verschaffen Vorsprünge. Jonathan muss nur für das richtige Ergebnis sorgen. Eine Lebenslauf summa cum laude. Wie es ihm dabei geht, steht nicht auf diesem Blatt Papier.

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Hanna Ziegler, Redakteurin bei corps, hatte Glück. Sie durfte als Kind in der norddeutschen Provinz toben und Mathe-Nachhilfe verweigern. Deshalb wird sie wohl nie Finanzvorstand werden. Aber Schreiben ist ja auch ein Beruf.

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